Zurück in die Stadt! Oder: Die Macht der Gewohnheit

Vor bald 20 Jahren war ich zum ersten Mal im Leibniz-Institut für Länderkunde; damals wusste ich noch nicht, dass ich hier später einmal arbeiten würde. Die Straßenbahnfahrt vom Leipziger Hauptbahnhof an den östlichen Stadtrand dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit. Es ging durch halb verfallene Straßenzüge, vorbei an Industriebrachen, Gewerbegebieten und Schrebergärten. Am „Paunsdorf Center“, Sachsens größtem Einkaufszentrum und Endstation der Tramlinien 3 und 7, angekommen, folgte ich dem Wegweiser „Behördenzentrum“ und fand mich schließlich vor einem grauen Allerwelts-Bürogebäude mit mehreren Eingängen. An einem stand: „Institut für Länderkunde“ (damals noch ohne „Leibniz-„).

Hier, zwischen ATU-Autowerkstatt, Außenstelle Paunsdorf der Polizeidirektion Leipzig und „Wellnes-Oase Sachsentherme“, befand und befindet sich bis heute das IfL. Damals habe ich mich gefragt: Wie kann man eine Forschungseinrichtung an einem solchen Nicht-Ort weit draußen ansiedeln: für Besucher umständlich zu erreichen,  quasi unsichtbar für die Stadtbevölkerung, der Kreativität seiner Beschäftigten nicht unbedingt förderlich?

Gute Aussichten!

Seitdem das IfL mein Arbeitsplatz wurde, hat jahrelange Routine solche Gedanken fast ganz aus meinem Bewusstsein verdrängt. Vielen meiner Kolleginnen und Kollegen geht es wahrscheinlich ähnlich. Im engeren Sinn glücklich über Lage und Umfeld des Instituts dürften die wenigsten von uns sein. Man hat sich eben arrangiert. Doch dann – es ist schon eine Weile her – kam plötzlich Bewegung in die Sache und heute steht fest: Unsere Tage in Suburbia sind gezählt, dank geschickter und beharrlicher Lobbyarbeit der Institutsleitung und günstiger Umstände bekommt das IfL einen Neubau auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz im Stadtzentrum, nur einen Steinwurf entfernt vom Gründungsort des Instituts, dessen Anfänge bis 1896 zurückreichen. Die Planungen laufen auf Hochtouren, mit dem Umzug ist in drei bis vier Jahren rechnen.

Ungefähr so wird das neue IfL in der Leipziger Innenstadt einmal aussehen. (© Architekturbüro Henchion Reuter)

Place matters – worauf wir uns freuen?

Auf ein schönes Haus mit einer kreativen Arbeitsatmosphäre, auf kürzere Wege für die meisten von uns Beschäftigten, die bessere Erreichbarkeit für Gäste, auf die Nähe zur Uni Leipzig und anderen wichtigen Kooperationspartnern, auf ein lebendiges, städtisches Umfeld (wohl wissend, dass der Leuschner-Platz für längere Zeit Großbaustelle sein wird). Worauf wir uns auch freuen: das Institut für die Stadtgesellschaft zu öffnen, unsere wissenschaftlichen Sammlungen – Literatur-, Bild- und Kartenbestände, Dokumente der Geographie- und Zeitgeschichte – neu in Wert setzen, zu öffentlichen Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen, Vorträgen einzuladen, mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Bis es soweit ist, arbeiten wir unverdrossen weiter in unserem „Raumschiff“, an das ich mich trotz allem so sehr gewöhnt habe, dass mich die Vorstellung, es bald zu verlassen, fast ein bisschen wehmütig macht. Verrückt eigentlich.


Peter Wittmann ist am IfL für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.