Warum „… für Länderkunde“?

Quelle: GEO Grafiker, H. 3, 1969 (S. 5). Sonderheft zum 37. Deutschen Geographentag, hrsg. von der studentische Vereinigung „Berliner Geographenkreis“ der FU Berlin

Der Deutsche Kongress für Geographie 2019 ist bewusst nach Kiel vergeben worden, da sich aus der Erinnerung an Ort und Ereignis, den legendären Geographentag von 1969, ein roter Faden für das Programm des Kongresses spinnen ließ. Das Motto „Umbrüche und Aufbrüche“ rief dazu auf, den kritischen Blick auf die eigene Disziplingeschichte als einen Prozess zu werfen, in dem Paradigmenwechsel ein existentiell notwendiges Systemelement darstellen. Und doch war festzustellen, dass gerade „1969“ und der anschließend proklamierte „Tod der Länderkunde“ immer noch einen Referenzpunkt für die Verortung der Geographie bieten. Dieser ist natürlich besonders produktiv zu verwenden, wenn man auf die disziplinären –  oder sollte man sagen „disziplinarischen“? – Zentrierungsbemühungen im Fach schaut. Desungeachtet stellen die Argumente von 1969 gegen die Länderkunde als wissenschaftliches Konzept eine Richtschnur dar, an der sich Diskussionen noch heute abarbeiten können, wie viele Sitzungen und einige Sonderveranstaltungen in Kiel 2019 gezeigt haben.

Was soll im Zentrum der Geographie stehen? – fragten Carolin Schurr und Peter Weichhart in ihrer Keynote auf dem Deutschen Kongress für Geographie 2019 in Kiel.

Zu solch intellektueller Auseinandersetzung fühlen wir uns natürlich an einem Institut, das die Länderkunde nach wie vor prominent im Namen führt, auf Dauer verpflichtet. Für eine Einrichtung, die den Wissenstransfer zur Öffentlichkeit gestalten und den Erwartungen eines breiten Zielpublikums entgegenkommen muss, gilt einerseits, mit seinem Namen ein Image zu verbinden, also eine verlässliche Adresse im Kommunikationssystem darzustellen. Nun transportiert „Länderkunde“ in der öffentlichen Erwartung nicht unbedingt das, was wir als Forscherinnen und Forscher tun. Andererseits leisten das Bezeichnungen in Kombination mit dem Wort „Geographie“ auch nicht, wie wir immer wieder bei erstaunten Reaktionen auf unsere Forschungsthemen – „Ich hätte nicht gedacht, dass Geographen sich mit sowas beschäftigen“ – zu hören bekommen. Angesichts solcher Unschärfe in der öffentlichen Wahrnehmung gewinnt das Argument, dass man „IfL“ und „Leibniz-Institut für Länderkunde“ auch als Markennamen verstehen und pflegen sollte, an Gewicht.

Bleibt aber noch die Kommunikation in der Community, aus der immer wieder mal Fragen zur Programmatik des „Länderkunde“ in unserem Namen kommen – und natürlich die Reflexion unseres eigenen Tuns im Spiegel dieses Namens. Uns erscheint an dieser Stelle der Debatte der Blick auf die jeweilige, historisch bedingte gesellschaftliche Einbettung der Geographie wichtig, nämlich, welche Probleme sie als Fach erforschen und auf welche Fragen sie Antworten geben bzw. wozu sie Stellung beziehen kann. Deuten wir also die Entstehung der Länderkunde zu ihrer Zeit als eine Reaktion auf spezifische Wissensbedarfe Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, und „Kiel 1969“ als eine längst überfällige Neujustierung des Faches durch die fundamentale Kritik an einem „Kernparadigma“, so bedeutet „Länderkunde“ für uns als Institut die ständige Herausforderung zu hinterfragen, wie sich unsere Forschungsansätze und -themen zu gesellschaftlich relevanten Fragen verhalten – umso mehr, als wir mit dem Archiv für Geographie ein Erbe des Faches bewahren und mit einer Abteilung auch dauerhaft erforschen. Die Antwort sollte keine Proklamation einer modernen oder auf Dauer modernisierten Geographie sein, sondern ein Bewusstsein für den Auftrag, ständig um zeitgemäße Antworten zu ringen.


Sebastian Lentz leitet als Direktor das Leibniz-Institut für Länderkunde und ist Professor für Regionale Geographie an der Universität Leipzig.

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