Die geographische Perspektive auf die Global Studies – Forschungsprojekte des IfL als Anwendungsbeispiele in der universitären Lehre

Die Mental Map zeigt die Herkunftsländer der Elterngeneration des Autors der Skizze und die Länder, in denen er selbst aufgewachsen ist. © A. Sharky

Gemeinsam mit Ute Wardenga gestalten die in der Abteilung Theorie, Methodik und Geschichte der Geographie des IfL beschäftigten Postdocs und Doktoranden seit mittlerweile vier Jahren in jedem Wintersemester ein Seminar oder Tutorium für Studierende des Masterstudiengangs Global Studies der Universität Leipzig zu Methoden wissenschaftlichen Arbeitens. In beiden Formaten veranschaulichen wir die Theorie anhand der wissenschaftlichen Praxis am IfL, um den Studierenden den Forschungsalltag näher zu bringen.

Forschungsmethoden kennen und anwenden

Unsere in Englisch gehaltenen Lehrveranstaltungen bieten Einblicke in Methoden geisteswissenschaftlicher Forschung mit einem stark interdisziplinären Fokus. In den Sitzungen behandeln wir ein Thema zuerst theoretisch und textorientiert, dann lassen wir uns von eingeladenen Gästen, zumeist Doktoranden oder ehemalige Doktoranden, die die Methoden in ihren Studien bereits angewandt haben, aus der Praxis berichten. Wie legen Wert darauf, sowohl Gäste der Universität als auch aus dem IfL zu Wort kommen zu lassen, auch, um auf die unterschiedlichen Forschungsstrukturen und interdisziplinäre Forschungsdesigns aufmerksam zu machen. Gleichzeitig wollen wir damit den Studierenden einen Einblick in unseren Forschungsalltag am IfL bieten und sie dazu animieren, sich mit verschiedenen Institutionen vertraut zu machen. Voraussetzungen für die gewinnbringende interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Lehrveranstaltung waren nicht nur unsere eigenen Hochschulbiografien als Lehrende, sondern auch die intellektuelle Verortung unserer Gäste und der Studierenden selbst, die aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Ländern kommen, d. h. mit unterschiedlich geprägten Vorerfahrungen ihr Studium an der Leipziger Universität aufgenommen haben. Aus dem Vorgehen ergibt sich eine angenehme Mischung aus Theoriearbeit einerseits und einem Einblick in Vorteile, Nachteile und Herausforderungen in der Anwendbarkeit der Methoden andererseits.

Beispiele (nicht nur) aus der geographischen Forschungspraxis

So wurde den Studierenden die Verknüpfung von Methoden wissenschaftlichen Arbeitens und deren praktische Anwendung in der Forschung auch im Wintersemester 2019/2020 wieder durch mehrere Gastvorträge von IfL-Mitarbeitern geschildert. Unter anderem bot unser ehemaliger IfL-Kollege Frank Meyer (jetzt TU Dresden) mit seiner Expertise zum Thema Interviewführung am Beispiel seiner Forschungen zur Organspende den Studierenden detaillierte Einblicke in den Forschungsalltag, betonte die Notwendigkeit einer strukturierten Planung von Interviews und wies auf die nicht planbaren Komplikationen hin, die während der Durchführung auftreten können. Unser Ansatz, Praxisbeispiele aus der Geographie und anderen Disziplinen zu wählen, bringt die meisten Studierenden der Global Studies mit einem ihnen oftmals unbekannten Forschungsfeld in Kontakt, auf das wir von Beginn des Semesters an aufmerksam machen.

Um die Studierenden für die Geographie zu sensibilisieren, lassen wir sie in der ersten Sitzung eine mental map ihres Heimatlandes zeichnen. Dies soll aber nicht nur als „Icebreaker“ dienen, sondern bildet darüber hinaus den spielerischen Auftakt für die intellektuelle Auseinandersetzung mit globalen Phänomenen im Masterstudiengang Global Studies, in dem eine über die Grenzen der in den jeweiligen Zeichnungen abgebildeten nationalstaatlichen Grenzen hinausgehende Erforschung von Verknüpfungs- und Verflechtungsprozessen angestrebt wird.

Für beide Seiten ein Gewinn

Es hat großen Spaß gemacht, die Studierenden auf unterschiedliche Forschungen, Methodenarbeit und Ressourcen aufmerksam zu machen. Offenbar konnten wir auch ihr Interesse an unserem Institut wecken, denn sie haben im Lauf des Semesters den Wunsch nach einem Archivbesuch geäußert. So haben wir gemeinsam im Januar 2020 Archiv und Bibliothek des IfL besucht. Archivleiter Bruno Schelhaas und Heinz Peter Brogiato, Leiter der Abteilung Geographische Zentralbibliothek und Archiv für Geographie des IfL, boten den Studierenden in ihrer Führung Einblicke in die wissenschaftlichen Sammlungen des Instituts. Insbesondere unsere Fotosammlung stieß auf großes Interesse bei den Studierenden, aber auch die Möglichkeit, in alten Bücherbeständen (auch über die jeweiligen Heimatregionen) stöbern zu können.

Über die wissenschaftsbezogenen Synergieeffekte durch die Kooperation mit dem Masterstudiengang Global Studies und die Diskussion mit Gästen und Studierenden hinaus bieten die Lehrveranstaltungen für Postdocs und Doktoranden des IfL zum einen die Möglichkeit, weitere Erfahrungen in der Lehre zu sammeln, zum anderen die Chance, Studierende der Geisteswissenschaften für die methodische Erforschung von Verräumlichungsprozessen und ihren Auswirkungen zu sensibilisieren.


Ninja Steinbach-Hüther arbeitet seit 2016 als Wissenschaftlerin im IfL-Forschungsbereich Historische Geographien. Für ihre Doktorarbeit „Zirkulation afrikanischen Wissens. Präsenz und Rezeption akademischer Literatur aus Afrika in Deutschland und Frankreich“ wurde sie 2017 mit dem Promotionspreis der Research Academy Leipzig und 2019 mit dem Dissertationspreis der Deutsch-Französischen Hochschule Saarbrücken ausgezeichnet.

Oliver Krause hat Kultuwissenschaften mit Schwerpunkt Europäische Kulturgeschichte studiert. Der Martin-Behaim-Preisträger der Gesellschaft für Überseegeschichte e. V. forscht mit kürzeren Unterbrechungen seit 2017 am IfL – seit Anfang 2020 in einem Projekt zur Rezeption, Adaption und Popularisierung der Heartland-Theorie Halford Mackinders, für das er bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft erfolgreich Fördermittel einwerben konnte.

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